Projekte 2016

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Die Bildungsteilhabe junger Flüchtlinge.
Faktoren von Inklusion und Exklusion in München und Toronto.
Dr. Annette Korntheuer

Korntheuer-13“Cause we come here with the spirit of going to school. Cause that’s the most important thing. We can. We want. We come here hoping. (….) If you don´t have education you don´t have a future. Because education is something important to gather knowledge. To be somebody.” (Ella, junge Asylsuchende in Toronto)

Sowohl Deutschland als auch Kanada stehen vor der dringlichen gesellschaftlichen Aufgabe, jungen Geflüchteten Teilhabe an Bildung zu ermöglichen. Während in wissenschaftlichen und öffentlichen Diskursen häufig die Perspektive der Geflüchteten nicht miteinbezogen wird, versucht diese Studie einen Perspektivwechsel zu initiieren. Auf Basis eines qualitativen Designs gelingt es nicht nur über junge Geflüchtete zu sprechen, sondern ihre eignen Narrative und ihre Sicht auf Bildung aufzugreifen.
Annette Korntheuer untersucht die Bildungserfahrungen junger Geflüchteter sowie Bildungsstrukturen in München und Toronto. Kanada und Deutschland und damit auch die beiden Städte unterscheiden sich zum Teil sehr grundsätzlich in Bezug auf Gesellschaftssystem und Bildungssystem sowie den Umgang mit Geflüchteten.
Während sich Deutschland über Jahre weigert die Tatsache anzuerkennen, dass es ein Einwanderungsland ist und Asylpolitik weitgehend daran orientiert ist, Immigration zu verhindern, versteht sich Kanada als Einwanderungsland. Dies hat nicht nur zur Folge, dass es transparente und geregelte Verfahren gibt, sondern auch Konsequenzen für das Verhältnis zwischen Ansässigen und Einwanderern. Die kanadische Einwanderungspolitik pflegt Unterschiedlichkeit und geht grundsätzlich davon aus, dass die Eingewanderten im Land bleiben wollen und werden.
In beiden Städten führte Annette Korntheuer qualitative Interviews mit Lehrer_innen, Sozialarbeiter_innen und anderen Expert_innen (N=25) sowie mit jungen Geflüchteten im Alter zwischen 14 bis 24 Jahren (N= 40).
Die Erhebung aus der Sicht der Beteiligten ist die Voraussetzung für ein Verständnis von Bildungsteilhabe, das im Spannungsfeld individueller und struktureller Bedingungen betrachtet wird.

Entsprechend lauten die forschungsleitenden Fragen:
Wie empfinden und beschreiben junge Geflüchtete selbst ihre Bildungssituationen in zwei sehr unterschiedlichen urbanen Kontexten?
Wie stehen diese Schilderungen wiederum im Zusammenhang mit den vorhandenen Institutionen der Bildungssysteme und den gesetzlichen Regelungen des Flüchtlingsschutzes?

In der Analyse des Datenmaterials kristallisieren sich zwei zentrale Faktoren heraus, die den Zugang und die Teilhabe an Bildung wesentlich beeinflussen:

1) Gruppenspezifisch sind die Biographien der Interviewpartner_innen von ihren Erfahrungen der Pre-, Trans- und Postflucht geprägt. Sie müssen sich mit Verlusterfahrungen, traumatischen Erlebnissen und erschwerten Akkulturationsbedingungen in den Aufnahmestaaten auseinander setzen. Aufgrund ihrer Lebenslagen entwickeln sie jedoch häufig auch Resilienz, Bildungsmotivation und hohe Bildungsaspirationen als biographisch geformte Ressourcen. Diese Studie gibt wichtige Hinweise wie sich diese entwickeln, stabilisieren und destabilisieren. Beschrieben wird dies hier von einem jungen Mann in Toronto:

“(…) and the way like I was going to school like secretly and stuff and it was a hardship you know it was struggle I was doing and ah it helped me like where I am right now it was probably- it was hardship but I had that in the past.” (Sam, Toronto)

2) Strukturell ist die Bildungsteilhabe junger Geflüchteter durch Einschränkungen aufgrund institutioneller und struktureller Barrieren gekennzeichnet. Es kann zu institutioneller und struktureller Diskriminierung kommen. Spezifisch für die Gruppe der Asylbewerber_innen sind Exklusionsmechanismen, die sich aus unterschiedlichen Logiken zwischen Asyl- und Bildungssystem ergeben. Ein junger Mann in München beschreibt dies im folgenden Zitat:

„Keine Ahnung. Ich, ich weiß nicht welchen Beruf ich muss machen. Weil ich bin mir nicht sicher ob ich kann diesen Beruf, so schaffen eine Ausbildung (…). Seit dem ich hab negativ ich hab viel Angst (—-) und ich kann nicht auch mehr konzentrieren, in meinem zum Beispiel Unterricht und deswegen ich hab auch viel Probleme bekommen.“ (Hussini, München))

Grundlegend ist die Ausgestaltung der Bildungssysteme durch gesellschaftliche Integrationsphilosophien beeinflusst. Diese werden als Differenz zwischen Multikulturalismus und Assimilation deutlich. Kanadischer Mulitkulturalismus zeigt sich in den Schulstrukturen innerhalb Equity und Diversity – Strategien sowie einer verstärkten Individualisierung von Unterricht und Leistungsnormen. Beschrieben wird dies im folgenden Zitat von Mr. Mitchel den Rektor einer Highschool:

„(…) I think that what we trying to do is to establish a culture that shows an understanding that for a variety of reasons students cannot always fulfill the institutional expectation without some flexibility and some support. We not targeting the refugee students any more than the students from the high poverty neighbourhoods, than the students with special education needs, or with English language development needs. We just trying to say that there are a students with a lot of different needs, that you need to be aware of in order to effectively educate them. (Mr. Mitchel, Toronto)

Während auf die Anwesenheit von jungen Geflüchteten in München vor allem in Form von Sonderklassen reagiert wird und strukturell sehr klar die Berufsausbildung als Ziel vorgegeben ist, eröffnet die inklusive Beschulung an den Highschools in Toronto Kontaktmöglichkeiten zur Mehrheitsgesellschaft und Zugang zu unterschiedlichen Sekundarabschlüssen.
Die Studie verdeutlicht, dass als praktische Handlungsstrategien zur Stärkung der Inklusion junger Geflüchteter im Bildungssystem Ansätze des Empowerments und der Advocacy und die verstärkte Miteinbeziehung von ethnischen und religiösen Communities sowie Mentoringprogramme in den Bildungssettings angeregt werden können. Um passende Bildungsangebote zu installieren, müssen Geflüchtete und ihre Communities stärker in die Mitgestaltungen von Bildungsstrukturen einbezogen werden.
Politische Interventionen sollten zum Abbau restriktiver Asylregelung führen und Integration als politische Zieldimension für alle jungen Geflüchteten definieren.

Die Martha Muchow-Stiftung hat den Druck der Dissertation gefördert. Wie Geflüchteten Zugang zu Bildung im weitesten Sinne ermöglicht werden kann ist eine der wichtigen Fragen der Gegenwart und Zukunft. Und die dafür notwendige Kultur lässt sich nur mit den Geflüchteten und unter Berücksichtigung ihrer Vorstellungen und Interessen etablieren. Wesentlicher Gesichtspunkt der Förderung war die für die oben genannten Ziele Voraussetzung, dass die Arbeit die Erhebung der Perspektive der betroffenen Menschen zur Sprache gebracht hat.

Die Dissertation wurde 2016 abgeschlossen.
Zur Veröffentlichung geht es unter folgendem Link: http://www.waxmann.com/buch3541