Stiftungsarbeit

Die Martha-Muchow-Stiftung fördert Wissenschaft und Forschung auf dem Gebiet der Erziehungswissenschaft und angrenzender Wissenschaftsgebiete soweit sie versuchen, die Perspektiven und Handlungsprozesse von Kindern bei ihrer Auseinandersetzung mit der sie umgebenden Welt sichtbar und verstehbar zu machen.

Nach mehreren Gesprächen mit jungen Wissenschaftlerinnen entwickelte sich die Idee eines über eine längere Zeit geplanten Forums um die Frage nach dem Generationenverhältnis im Rahmen gegenwärtiger Entwicklungen offen, aber wissenschaftlich fundiert diskutieren zu können.


Foren

Studientag Kindheitsforschung 2019

Am 23. Mai 2019 führte die Martha-Muchow-Stiftung in Kooperation mit dem Fachbereich Erziehungswissenschaften der Goethe-Universität einen Workshop zur Bedeutung der Orientierung der Stiftung an den Perspektiven und Handlungsprozessen von Kindern durch. Es ging um eine Klärung der Formel „Zur Perspektive des Kindes”.

Die Vorträge von Gertrud Beck, Gerold Scholz, Maike Baader, Michael Sebastian Honig, eine intensive Diskussion nach den Vorträgen und eine von Heike Deckert-Peaceman moderierte Abschlussdiskussion motivierten zur Herausgabe des Buches Zur Frage nach der Perspektive des Kindes.

Danach diskutierte die Stiftung noch einmal ihre in der Satzung beschriebene Aufgabe:

„Die Stiftung fördert Wissenschaft und Forschung auf dem Gebiet der Erziehungswissenschaft, und angrenzender Wissenschaftsgebiete soweit sie versuchen, die Perspektiven und Handlungsprozesse von Kindern bei ihrer Auseinandersetzung mit der sie umgebenden Welt sichtbar und verstehbar zu machen.“

Im Februar 2023 wurde zwischen Vorstand und Beirat der Stiftung mit jungen Wissenschaftlerinnen diskutiert, wie in Zukunft diese Zielsetzung umgesetzt werden könnte. Verabredet wurde die Durchführung eines ersten Forums im Jahre 2024 als Auftakt für weitere Foren und mögliche Veröffentlichungen. Ein zentraler Begriff war der der Krise, sowohl als gesellschaftliche wie als erziehungswissenschaftliche, und damit verbunden die Frage, welche Bedeutung der unterstellte Krisenmodus für Kinder haben kann, und wie sie damit umgehen können. Die Bearbeitung der Frage nach der Perspektive der Kinder setzt, so die Überzeugung, eine intensive Analyse der Rahmenbedingungen voraus, die gesellschaftlich bestimmt werden und von Kindern kaum beeinflusst werden können.

Der Vorstand der Stiftung hat sich für das Thema „Das Bild des unschuldigen Kindes und seine Verwendung“ entschieden. Dies aus mehreren Gründen. Ein Grund ist die Verbindung zwischen Erziehungswissenschaft und Gesellschaft. Bühler-Niederberger schreibt: „Durch das Kind wird Unschuld einprägsam, anrührend und mit höchster Autorität verkörpert. Die Macht der Unschuld beansprucht Natur und Heiligkeit als ihre Referenzen. In ihrem Einsatz, ihrer Wirkung und auch in ihrer keineswegs unschuldigen Konstruktion ist sie jedoch ganz von dieser Welt: Sie ist eine gesellschaftliche Macht.“ (Bühler-Niederberger 2005, S.9)

Ein zweiter Grund ist die Gegebenheit, dass, wie der Verweis auf die Ähnlichkeiten zwischen den Bildern des „wilden Kindes“ und dem „wilden Eingeborenen“ zeigt, es sich um eine Konstruktion handelt, die auf unterschiedlichen Feldern anzutreffen ist. Schließlich gibt es einen aktuellen Anlass, auf den Bühler–Niederberger schon 2005 verwiesen hatte, dessen Bedeutung aus unserer Sicht aber sehr stark zugenommen hat: „Die Macht der Unschuld ist eine dreifache. Sie signalisiert Gefahr, verspricht Rettung — wie sie beide die Gesellschaft umfassend betreffen — und sie kann über moralische Zugehörigkeit schlechthin entscheiden: Steht man ihr entgegen, so bewirkt sie Ausschluss aus dem Kreis derjenigen, denen gesellschaftliche Anerkennung noch zukommen kann, stellt man sich in ihren Dienst, so garantiert sie für den quasi natürlich guten Menschen und heiligt die Sache, die man vertritt.“ (Ebd.)

Forum 1: Das Bild des unschuldigen Kindes und seine Verwendung 2024

In der Auseinandersetzung zwischen divergierenden gesellschaftlichen und kulturellen Interessengruppen findet sich häufig der Verweis auf Kinder. Es ist allerdings kein Verweis auf deren Interessen, sondern auf ein von der Erwachsenenkultur entwickeltes und geprägtes Bild des „unschuldigen Kindes“. Auf der Grundlage der tatsächlichen Vulnerabilität von Kindern, der Notwendigkeit sie zu schützen, werden jeweilige Interessen als Anwaltschaft für Kinder ausgegeben. Das Bild des „unschuldigen Kindes“ ähnelt dem im Zuge der Kolonialisierung entstandenen Bild des „Wilden“. Beide sind naiv, beide sind gefährdet und zumindest aufgrund ihrer Naivität auch gefährlich. Man muss sie schützen und man sich vor ihnen schützen.

Keine Kultur, so schrieb Mollenhauer 1983, lässt Kinder ungebremst auf die Wirklichkeit aufprallen. (Mollenhauer 1983) Damit ist auch ein Tabu beschrieben. Argumentativ bedeutet dies, dass der Verweis auf die Verletzung eines unschuldigen Kindes die Botschaft enthält, dass darüber nicht rational und argumentativ verhandelt werden darf und kann. Rhetorisch verlangt der Verweis auf das unschuldige Kind, dass nur Gefühle formuliert werden dürfen.

Es gab eine Einleitung und zwei Vorträge:

Gerold Scholz: Begründung der Themenwahl
Doris Bühler-Niederberger: Die Macht der Unschuld – Geschichte und Gegenwart ihrer politischen Vereinnahmung
Heike Deckert-Peaceman: Die neue Rechte und das Kind

Die Diskussion nach den Vorträgen führte zu der Frage inwiefern „Kindheit“ ein Menschenrecht ist und wie sie sich denken lässt zwischen systematischer Instrumentalisierung von Kindern und deren Recht auf eine Auseinandersetzung mit von Erwachsenen vertretenen gesellschaftlichen und kulturellen Normen.

Forum 2: Kindheit als Menschenrecht zwischen normativen Ansprüchen und Instrumentalisierung 2025

Nach einer Begrüßung durch Charlotte Röhner gab es zwei Vorträge:

Michael Klundt: Kinderrechte und Kinderarmut in Krisen-Zeiten
Christian Stewen: Blicke – Wissen – Macht: Konstruktionen kindlicher (Un-)Schuld im Kriminalfilm

Die Diskussion führte zu dem Ergebnis, dass es notwendig sei, sich die Geschichte der Kindheit und der Kindheitsforschung vor Augen zu führen. Damit war die Idee des 3. Forums beschrieben.

Forum 3: Organisation von Kindheit 2026

Rekonstruktion aus heutiger Sicht – zwei Perspektiven

Eine der beiden Perspektiven wurde von Helga Kelle formuliert die andere von Florian Eßer:

Helga Kelle: Organisation von Kindheit. Räume der Beobachtung, Transorganisationale Wohlfahrtspraktiken, Prävention und Kinderschutz
Florian Eßer: Infrastrukturen von Kindheiten. Organisierte Sorge in öffentlicher Verantwortung

Beide Vorträge beleuchteten die jüngere Geschichte der Kindheit und der Kindheitsforschung. In der Diskussion wurde deshalb der Wunsch deutlich, zwei weitere Horizonte für das nächste Forum zu bearbeiten. Zum einem eine Beschäftigung mit einer Kindheit aus einer anderen Epoche, in der, im Unterschied zur Gegenwart, die außerschulische Sozialisation bedeutsam war. Zum zweiten zur Situation von Kindern und der Erforschung in einer anderen Kultur.

Beides wird Inhalt des vierten Forums sein, das im Februar 2027 in Frankfurt stattfinden wird.

Literatur

Bühler-Niederberger, Doris (2005): Einleitung: Der Blick auf das Kind – gilt der Gesellschaft. In: Dies. (Hrsg.): Macht der Unschuld. Das Kind als Chiffre. Wiesbaden.
Mollenhauer, Klaus: Vergessene Zusammenhänge. Über Kultur und Er­ziehung. München.